Archiv der Kategorie: Literatur

Lesefutter

Wer kostenlose eBooks auf seinen eReader laden möchte, sollte wissen, wann die urheberrechtliche Schutzfrist endet. Nicht siebzig Jahre nach dem Todestag eines Schrifstellers, sondern 70 Jahre nach dem auf das Todesjahr folgenden 1. Jänner. Ein ganz schön langer Zeitraum, von dem vorwiegend der Buchhandel und der Verlag bzw. seine Rechtsnachfolger profitieren. Sofern sie sich um das Werk kümmern und für seine Verbreitung sorgen. Die Erben erhalten im Normalfall ungefähr zehn Prozent des Nettoladenpreises und haben keine Möglichkeit, Nutzungsrechte neu zu verhandeln oder dafür zu sorgen, dass das Werk von einem anderen Verlag besser betreut wird. So geraten die meisten Autoren garantiert in Vergessenheit.

Fairer wäre es, wenn die Inhaber des jeweiligen Urheberrechts nach einer bestimmten Zeitspanne die Vergabe der Nutzungsrechte neu regeln könnten, wenn also beispielsweise alle 25 Jahre der exklusive Nutzungszeitraum endete und im Rahmen des geltenden Urheberrechtszeitraums der Urheber oder seine Erben die Nutzungsrechte neu vergeben könnten. Wenn ein Dreißigjähriger, der achtzig Jahre alt wird, einem Verlag für sein Werk exklusive Nutzungsrechte für den Zeitraum des Urheberrechts einräumen muss, geschieht das also für 120 Jahre. Wer von uns hätte nicht gerne Verträge in der Schublade liegen, die unsere Großeltern abgeschlossen haben und uns nachwievor Einnahmen verschaffen? Solche Verträge könnte man mit Hausverstand durchaus als sittenwidrig bewerten. Wer sich diese Fakten veranschaulicht, versteht vielleicht eher, warum die Diskussion des Urheberrechts bei einigen Konzernen heftigsten Widerstand erzeugt, da sie damit bedroht sind, aus der Komfortzone vertrieben zu werden.

Wenn der Autor unseres Beispiels die Möglichkeit hätte, mit 55 Jahren, nachdem er bekannter und anerkannter wurde, die Nutzungsrechte seines Buches neu vergeben zu können, würde er noch zu Lebzeiten mehr verdienen können, da er wahrscheinlich bessere Konditionen erhielte als beim ersten Vertragsabschluss. Eine maximal 25-jährige Nutzungsdauer erlaubte es dem Verlag trotzdem, seine Investitionen und Einnahmen-Ausgabenkalkulation langfristig vornehmen und betrachten zu können. Es ist schade, dass viele Autoren und Künstler noch nicht erkannt haben, dass einer der Schlüssel für eine verbesserte Einnahmensituation in der Begrenzung von Nutzungszeiträumen läge.

Ob der Urheberrechtszeitraum wirklich bis siebzig Jahre nach dem Tod eines Künstlers anhalten sollte, ist eine zweite und etwas andere Diskussion, denn eine Verkürzung auf zB. 30 oder 50 Jahre bis nach dem Tod eines Künstlers würde den Erben noch immer einen mehr als nennenswerten Zeitraum für Einnahmen verschaffen. Der Künstler selbst, der Urheber, um den es angeblich geht,  hat selbst nicht mehr davon, er ist in dem Zeitraum garantiert tot und die Verbreitung des Werks kann derzeit erst nach siebzig Jahren neu angesteuert werden, wenn er also bereits endgültig vergessen ist.

In dem Zusammenhang möchte ich noch daran erinnern, dass ein Buch aus dem Vorjahr in vielen Fällen bereits als veraltet gilt, kein Interesse mehr weckt, man selbst als literarischer Autor, wenn man nicht einen gewissen Bekanntheitsgrad hat, mit einem so alten Werk kaum noch Lesungen oder Rezensionen erhält, womit diese Marktgepflogenheiten den Schutzaspekt des Urheberrechtszeitraums ziemlich relativieren.

Na, gut, mit 1. Jänner 2013 werden also zum Beispiel die Werke von Stefan Zweig und Robert Musil, die beide 1942 gestorben sind, gemeinfrei und können ab nächstem Jahr legal zum Download zur Verfügung gestellt bzw. herunter geladen werden.

Wer nicht bis dahin warten möchte, hat natürlich genügend Möglichkeiten, auf zuvor verstorbene Schriftsteller und Autoren zugreifen zu können. Im folgenden möchte ich einige Lesevorschläge machen und auf interessante Werke hinweisen, es wird von mir noch weitere Blogeinträge dazu geben, eine kleine Serie, welche ich mit der Überschrift Lesefutter kennzeichne.

Joseph Roth, 1939 im Exil in Paris verstorben, dieser durch und durch österreichische Dichter, der durch Geburt ein Europäer war, geboren in Brody, der heutigen Ukraine, der in seinen Büchern Judentum, K.u.K-Zeit, Legenden, Märchen und Nachkriegszeit so trefflich schildern und beschreiben konnte, ein Chronist des Zerfalls der Habsburgermonarchie, der wie viele andere an seiner Zeit und zu viel Alkohol zugrunde ging. Radetzkymarsch, Kapzinergruft, Hiob, Hotel Savoy, Spinnennetz, Die Legende vom heiligen Trinker, Leviathan, Tarabas, Flucht ohne Ende, Das Spinnennetz, Die Rebellion, Die Geschichte von der 1002. Nacht, Zipper und sein Vater, Der stumme Prophet, Rechts und Links,
sind einige der Werke, die mancher vielleicht auch durch eine der vielen Verfilmungen kennt.

Franz Kafka, gestorben 1924. Die Verwandlung, Der Prozess, Der Verschollene (Amerika), In der Strafkolonie, Ein Hungerkünstler,  Brief an den Vater, Ein Bericht für eine Akademie oder gleich das gesammelte Werk seiner oftmals verstörenden Erzählungen, die ihn zur Ikone der Gegenwartsliteratur gemacht haben, obwohl oder gerade eben, weil er seine Texte verbrannt sehen sollte, was Max Brod, sein Freund, und wohl nicht zum Schaden seines eigenen Ruhms, verhinderte.

Ödön von Horvath, ein österreichisch-ungarischer Autor, am 1. Juni 1938 während eines Gewitters auf den Champs-Elysées von einem Ast erschlagen. Jugend ohne Gott, Ein Kind unserer Zeit, Der ewige Spießer, sozial- und gesellschaftskritische Romane, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Geschichten aus dem Wiener Wald, Kasimir und Karoline, Dramen, die ihn zum Klassiker der Moderne machten.

Friedrich Glauser, 1896 geboren in Wien, Sohn eines Schweizer Lehrers, Schweizer Schrifsteller, der merkwürdigerweise bisher nicht wie manche andere als Österreicher vereinnahmt wurde. Vielleicht wegen seines Lebenslaufs. Dadaist, Morphinist, Fremdenlegion, Suizidversuche, Konkubinat, Herzleiden, Entziehungsversuche, Schulden, entmündigt, Kohlengruben, Krankenwärter, Aufenthalt in psychiatrischen Kliniken, 1938, am Vorabend der Hochzeit mit 42 Jahren tot zusammengebrochen. Einer der Begründer des modernen Kriminalromans, der mit der Figur des Wachtmeister Studer die Figur des unkonventionellen Ermittlers prägte. Wachtmeister Studer, Matto regiert, Die Fieberkurve, Der Chinese, Krock & Co. Oder Gourrama, ein Roman aus der Fremdenlegion.

Reibeisen

Die 29. Ausgabe des Kultur- und Literaturmagazins aus Kapfenberg ist vor kurzem erschienen.  150 Seiten Literatur, 212 Seiten gesamt.

Neben den literarischen Beiträgen findet man Artikel zu folgenden Themen:

  • Karel Pečko, Maler und Visionär aus Slovenj Gradec
  • Religionen als sinnstiftende Einrichtungen
  • Erinnerungen an die Ägäis – Begegnungen in Griechenland
  • Geliebt – verehrt – ermordet: Federico García Lorca
  • Der Burgstall zu Pötschach bei Kapfenberg
  • Unser Nachbarland Italien

Das Magazin kostet 15 EUR. Ein mehr als angemessener Preis. Wer mehr über den Europa-Literaturkreis Kapfenberg erfahren oder das gewichtige Produkt bestellen möchte, kann dies unter www.europa-literaturkreis.net tun.

In dem Magazin konnte ich bereits mehrmals publizieren, diesmal haben wieder zwei Gedichte ihren Platz gefunden, eines davon möchte ich hier vorstellen:

IKARUS, SUPERSTAR

mit dem Kopf durch die Sonne
ein Ende für die Ewigkeit
dieser Ikarus
seine dampfenden Flügel
Werbebotschaften
vom Sponsor leichtfertig investiert
das one-way-ticket
zu Ruhm und Unsterblichkeit
vor den Kameras antiker Reporter
hoffnungsvoll präsentiert

so ist es gewesen
wer weiß das schon
im Schatten der Sonne
und guter Quote

PS: weitere Leseproben von mir auf meiner Autorenhomepage unter www.lyrikzone.at/leseproben/

Bildnachweis: www.europa-literaturkreis.net

20 Jahre DAS GEDICHT

Im Herbst 2012 ist es so weit, die Literaturzeitschrift DAS GEDICHT, aus der nahen Umgebung von München, gegründet durch Anton G. Leitner, der sie mit lebhaften Signalen betreibt, feiert einen runden Geburtstag.  Zwar sind es noch 145 Tage bis zum Verlassen der Teenager-Zone, wer sich trotzdem schon über diverse Festivitäten und Veranstaltungen rund um dieses Ereignis informieren möchte oder auf einen Ausgangspunkt für literarische Erkundigungen neugierig ist, kann bei Gelegenheit die seit heute verfügbare Seite

www.dasgedichtblog.de

besuchen.

Erstveröfentlichungen von Gedichten,  Statements zur Lage der Poesie, Videoclips, Audio-Podcasts, Gedicht-Illustrationen oder Porträts von Autoren, sollen dort ab nun täglich als Begleitprogramm der für dieses Jahr geplanten Aktivitäten zu finden sein. Zeitgemäß aufbereitet, als multimediale lyrische Informationsquelle für Interessierte.

Lasst Gedichte regnen – Spring Poetry Rain

Am 26. Mai 2012 findet in Nikosia, der geteilten Stadt Zyperns, ein kultur- und länderübergreifendes Projekt statt. Große Ballons mit mehr als 50.000 Gedichten von Schreibenden aus der ganzen Welt werden an dem Tag ab 17:30
über der Altstadt schweben und in regelmäßigen Abständen zum Platzen gebracht – es wird Gedichte regnen.

Begeleitet wird das Programm von Lesungen und Musik. Die Veranstalter sind griechisch- und türkisch-zyprische Kulturorganisationen,  Ideogramma, (www.ideogramma-cy.com) and Sidestreets (www.sidestreets.org) sowie das  Office of the European Parliament in Cyprus (www.europarl.cy).

Individualität, Respekt, Toleranz, Menschenrechte und Zusammenleben,

Different Nationalities – Many Ethnicities – One people – One Europe – One World – Same Future

sind die Themen und Ziele der Veranstaltung bzw. der literarischen Texte.
Unter dem Motto

Nicosia is one city, Cyprus one country

soll jährlich daran erinnert werden, dass Nikosia die letzte geteilte Stadt Europas ist. Die Veranstaltung wird live im Internet (von CyTA – der zypriotischen “Telecommunications Authority”) gestreamt und soll auch von mehreren lokalen und europäischen TV-Sendern  übertragen werden.

Die “regnenden” Gedichte sind entweder in einer der vier Sprachen der Insel  – armenisch, griechisch, türkisch oder englisch – verfasst oder dahingehend übersetzt, damit sie vor Ort auch gelesen werden können.  Ein tolles Projekt und es freut mich, zu dem Event mit einem Text beitragen zu können.

Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers

Früher war die Beschaffung von Musik ein haptisches Erlebnis. Schallplatten, auf denen das Cover wirken konnte. Mit einem Titel, den man nicht vergaß. So wie Charles Bukowskis „Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“. Und auch heutzutage, zwischen e-books und mp3-files, kann etwas Ähnliches passieren. Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers, eine Sammlung von Gedichten David Lerners, die erstmals deutschsprachig übersetzt vorliegen.

die kaputten leben mit ihrer panik wie / andere mit ihrem morgenhusten // die kaputten haben tolle geschichten / alle davon wahr, gerade die lügen // die kaputten sind spannend wie verkehrsunfälle / die kaputten legen in der hölle einen wahnsinstango hin.

David Lerner, amerikanischer Lyriker, geboren 1951, gestorben 1997 an einer Überdosis Heroin, lebte für die Poesie. Er gab seine Journalistenkarriere auf, gehörte in San Francisco zu einer Gruppe von Spoken-Word-Dichtern, veröffentlichte zu Lebzeiten drei Gedichtbände und hinterließ tausende beschriebene Seiten unpublizierten Materials. ich will nichts anderes tun / als lyrik berühmt zu machen // ich will nichts anderes tun als / der sonne mein monogramm einzubrennen.

Es sind wütende Gedichte, Rocksongs, der ganz spezielle amerikanische Alptraum, der ihm Ende der Achtziger, anfangs der Neunziger begegnet. ich lebe in der 3. welt / ich lebe relativ am rand der 3. welt / ich lebe in der 3. welt in / Berkeley, Kalifornien, USA, / 1991.  Die Texte haben einen eigenen, unverkennbaren Sound, hypnotische Zeilen, rhythmisch gehämmert.

ich war so traurig, dass ich aufhörte zu träumen // ich war so traurig / dass ich die treppen hinunterstolperte / und an jeder unebenheit funken schlug // ich war so traurig / dass es auf dieser wilden erde nichts gab, was mich // schlafen lassen konnte. Er packt die Welt in seine Texte und sich selbst dazu, so wie man Diamanten macht, unter Druck gesetzt, wie gemacht, um Schatten zu schneiden.

Er sägt sich durch Fernsehbilder und Straßenszenen, Nachrichtenfetzen, clipartige Momentaufnahmen, denen er seine Lyrik entgegen wirft, kurze Strophen, welche nie den Boden verlieren, Schicht für Schicht aneinander gefügt. Die Texte sind frisch, wie eben erst entstanden, eine Zeitreise in die Gegenwart.

Die Übersetzung, von Ron Winkler, Leonce-und-Lena-Preisträger, vorgenommen, wird zweisprachig präsentiert, was den Vergleich von Original und erfolgter Nachdichtung möglich macht. Im Verlag des Poetenladen, einer der zentralen Plattformen für Lyrik, ist die Zusammenstellung 2008 publiziert worden, was den Herausgebern, die damit zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum auf David Lerner aufmerksam machen, hoch anzurechnen ist.

Denn poesie schert sich nicht um ruhm / ruhm ist nett, aber für die poesie ist er der / nachtisch. Ein Dessert, das sich in diesem Fall lohnt.


David Lerner
Die anmutige Kurve eines Marschflugkörpers

Gedichte (deutsch/englisch)
Übersetzt von Ron Winkler
poetenladen, Leipzig 2008
144 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-940691-04-0

Bildnachweis: poetenladen.de

Welttag des Buches

Die UNESCO hat 1995 den 23. April zum Welttag des Buches erklärt. Nach einer katalanischen Tradition schenkten sich die Menschen an diesem Tag Rosen, seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden in Barcelona auch Bücher weitergegeben. Miguel de Cervantes und Shakespeare starben an diesem Tag. Der Driesch Verlag begeht den Jahrestag traditionsgemäß mit einer Lesung, die wieder – wie in den Jahren zuvor – in Wien im Café Kafka stattfindet.

Montag, 23. April 2012,
ab 20 Uhr

Welttag des Buches

Lesung im Cafe Kafka, Capistrang. 8, 1060 Wien

Es lesen Haimo L. Handl, Franz Blaha, Maria Elena Blanco, Martin Dragosits, Klaus Ebner, Gabriele Folz-Friedl, Krista Kempinger, Heidemarie Markhardt, Lidio Mosca-Bustamante, Milan Raček, Ingrid Rahlf, Ka Ruhdorfer, Christopher Staininger, Wolfgang Straßnig und Emily Walton.

Jeder Autor liest sechs bis acht Minuten, mit einem abwechslungs- und inhaltsreichen Abend ist zu rechnen!

Bildnachweis: UNESCO

Zauberworte

Wer sein Handeln und Tun der Maxime einer möglichen Nachwelt unterordnet, für den hat die Evolution etwas vorgesehen, nämlich Fortpflanzung. Man zeuge zwei Kinder und hoffe, dass jedes sich und seine Nachkommen in der gleichen Häufigkeit vermehre. Bei angenommen drei Generationen pro hundert Jahren führt das nach eintausend Jahren zu 2 hoch 30, also rund einer Milliarde Menschen mit genetischem Material, das vom Urheber stammt, vorzeitige Ausfälle, Einzelgänger, Impotenz und Misanthropen unberücksichtigt.

Andere Möglichkeiten der Nachwelt gesichert bekannt zu bleiben, bestehen darin, Millionen von Menschen umzubringen oder ähnlich gelagerte Grauslichkeiten zu begehen. Die Anzahl der über Jahrhunderte hinaus bekannten Künstler ist im Vergleich mit historischen Tätern gering geblieben. Im Übrigen sollte darauf hingewiesen werden, dass die unter den Dinosauriern überlieferten Heldenepen uns trotz ihrer viele Millionen Jahre anhaltenden Herrschaft über diesen Planeten nicht bekannt geworden sind. Es ist anzunehmen, dass unsere paar tausend Jahre des Hochmuts enden werden, bevor die Sonne das Stadium eines weißen Zwergs erreicht.

Betrachten wir trotzdem einmal die nächsten ein bis zwei Jahrhunderte. Welche Möglichkeiten gibt es, literarisch einige wenige Jahre zu überleben? Zu Lebzeiten kommerziell erfolgreich sein und hoffen, dass der Erfolg anhält. Sein Werk in einer Truhe verschließen oder testamentarisch dafür zu sorgen, dass es nicht aufgeführt oder gar vernichtet werde. Für ausgesuchte Nachlaßverwalter, die einen nicht wörtlich nehmen, ist bei dieser Methode naturgemäß vorzusorgen. Seine Arbeit so allgemein gültig (und damit auch neutral) zu halten, dass sie zeitlos bleibe. Der Vorläufer einer bestimmten Stilrichtung oder Denkschule zu sein (oder noch besser ihr Begründer). Oder ein für die eigene Zeit typisches und nachvollziehbares Bild zu vermitteln.

Das sind die mir bekannten Möglichkeiten, deren Aufzählung sicher noch nicht vollständig, aber zumindest anschaulich ist. Und es muss uns bewusst sein, dass bei hunderttausend Büchern, die pro Jahr im deutschsprachigen Raum erscheinen, es überhaupt nur wenige Romanschriftsteller, Dramatiker oder Essayisten geben kann (und auch Poeten!), die eine Chance auf einen gewissen Nachruhm haben.

Was sollen nun die Lyriker tun? Sich die Grenzen selbst setzen und wohlgeformte Ziele außer Acht lassen? Nein. Ihre Genitalien öffentlich zur Schau stellen und in Ekel-Shows gehen? Nur wer mag.

Halten wir doch einmal fest, dass wir unter anderem den Vorteil haben, nicht ständig auf der Suche nach Ruhm sein zu müssen. Das bedeutet Konzentration auf das, was der Schreibende will, nämlich die in ihm entstehenden Bilder und Worte auszudrücken und zu einem Ganzen zu fügen. Nach der persönlichen Vorstellung von Form und Inhalt, auf einem einzigen weißen Blatt Papier seinen Träumen zu folgen und sie mit einem Bleistift in der Hand zu führen. Schlecht?

Woher nehmen Künstler die Kraft, ihren Vorstellungen zu folgen, obwohl sie kein Bild verkaufen, Ablehnungen erfahren oder nicht den aktuell gültigen Regeln des Kulturbetriebes entsprechen? Diese Kraft kann nur aus ihnen selbst kommen, sie kann gefördert und unterstützt werden, durch Energiezufuhr. Eines der Zauberwörter ist nicht Bitte oder Danke, sondern Mindsetting, die Geschichte mit dem halbvollen und dem halbleeren Glas.

Zum Beispiel führe ich seit längerer Zeit eine Liste, in der ich meine kleinen lächerlichen Erfolge anführe, Veröffentlichungen, Rezensionen, Lesungen, aufmunternde Worte, was auch immer im weitesten Sinn an Positivem geschieht. Um es einzufangen und zu visualisieren. Ich könnte mich auch auf die andere Liste konzentrieren, die Nicht-Antworten, Absagen, Verweigerungen und Enttäuschungen, auf meine Zweifel und Unzulänglichkeiten.

Ich lebe heute und morgen, ich will schreiben, es schreibt, ich muss schreiben. Das Gedichte schreiben habe ich mir nicht ausgesucht, es ist da, es ist entstanden, vielleicht bin ich dazu da. Also tue ich es, obwohl ich in einem anspruchsvollen Beruf jeden Tag intensiv arbeite. In der Freizeit arbeite ich auch (nicht nur!), in dem ich schreibe, für mich. Und das ist das zweite Zauberwort, aus dem Sinn und Sinngebung entsteht. Das Ich. Für wen? Was will es, wenn man die diversen Schichten, Geld, Ruhm und Maslowsche Bedürfnisse abzieht? Was will dieses Ich für mich, wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind? Und wenn wir es beantworten, so schwierig es ist, eine Antwort zu finden, genau das müssen wir tun. Denn wir leben jetzt und müssen uns mit uns selbst auseinandersetzen und nicht mit der Nachwelt.

Kafkas Gefahrenklassen

Der Driesch Verlag, beheimatet in Niederösterreich, bringt neben seinem Buchprogramm nicht nur vierteljährlich eine Literaturzeitschrift heraus, er hat darüber hinaus mit der Einzelpublikation von Essays und Prosa in einer Heftreihe, der sogenannten Driesch Reihe, begonnen. Die erste Ausgabe, 40 Seiten in Quartheftformat, ist sehr wertig in Schwarzweiß gehalten, kostet ganze vier Euro, und beinhaltet einen Aufsatz über Franz Kafka, den die Schriftstellerin Gisela Elsner erstmals 1988 im Zsolnay Verlag veröffentlichte. Die Rechte liegen inzwischen beim Verbrecher Verlag, der Driesch Verlag erhielt für eine limitierte Ausgabe die Abdruckerlaubnis.

Gefahrensphären lautet der Titel und eröffnet eine kritische Betrachtung des Werks von Franz Kafka, ausgehend von den Amtlichen Schriften, die er beruflich in der Allgemeinen Arbeiter- und Unfallversicherung verfasste. Ich kenne nicht den Stand der Kafka-Forschung, vertiefe mich ansonst nicht in literaturtheoretische Diskussionen, bevorzuge das „primäre Schreiben“ gegenüber dem sekundärwissenschaftlichen, und fand den Aufsatz trotzdem sehr interessant. Allerdings rief er bei mir heftigen Widerspruch hervor, sodass ich mich dafür entschied, hier ein bisschen darauf einzugehen.

Der Gedanke, dass die Arbeitswelt Kafkas, der seine Tätigkeit, versicherungspflichtige Betriebe nach Gefahrenklassen einzuteilen, als quälenden Brotberuf  betrachtetete, der ihm ermöglichte, sich dafür nachts in einen literarischen Schriftsteller verwandeln zu können, sein Werk mitentscheidend geprägt haben und demzufolge auch einiges über seine Person aussagen könnte, ist ein durchaus naheliegender. So betrachtet sie seine vorliegenden Schriften als Beamter, zieht daraus Parallelen und Schlüsse, leider nicht ideologiefrei, denn Gisela Elsner, bis nach der Wende überzeugte Kommunistin, verwässert ihren interessanten Ansatz dadurch, dass sie ihre Betrachtungen allzu rasch auf mangelndes Klassenbewusstsein Kafkas zuspitzt, was schade ist, nicht nur weil eine solche Argumentation bereits zu dem Zeitpunkt zu dem sie erschien, 1988, nicht mehr adäquat war, sondern weil sie vor allem etwas Entscheidendes übersieht.

Franz Kafka ist Beamter, in einer Welt, in der der Stand durch Geburt vorrangig die Möglichkeiten in der Gesellschaft bestimmte, in einem Arbeitsumfeld, das streng hierarchisch geregelt war, viel unversöhnlicher und mit viel weniger Freiheiten ausgestattet, als wir es uns heute vorstellen können. Es ist absurd zu glauben, dass Kafka beim Verfassen seiner amtlichen Schriften allzuviele Möglichkeiten hatte, sicher musste er seine Abhandlungen durch Vorgesetzte genehmigen lassen und wir wissen nicht, wieviele der ihm zugeschriebenen Worte letztendlich wirklich von ihm selbst stammen oder ihm hinein redigiert wurden. So kann man aus Wortlaut und Tendenz seiner Schriften sicher weniger ableiten als Gisela Elsner darzustellen versucht.

Wenn man über solche Stellen hinwegzulesen im Stande ist, wird man dafür mit interessanten Einzelheiten belohnt, die den Einfluss der beamteten Tätigkeit Kafkas auf sein Werk augenscheinlich machen. So zum Beispiel die Wahl seiner Figuren, die sich mit seinem beruflichen Umfeld deckt, die Machtlosigkeit von Individuen und die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenn sie mit Absicht gefährlichen beruflichen Situationen ausgesetzt werden, wie er es in UNFALLVERHÜTUNGSMASSREGEL BEI HOLZHOBELMASCHINEN beschreibt.

Auch die Folgerung, dass Kafka sein Arbeitsleben als immer größer werdende Aussichtslosigkeit, als unsinnige Bürokratie, die nur für sich selbst existierte, empfand, die ihn beim Schreiben seiner Erzählungen beeinflusste,  halte ich für wahrscheinlich. Viele Menschen erleben auch noch hundert Jahre später Entfremdung,  Bürokratie und Sinnlosigkeit an ihrem Arbeitsplatz, das ist kein Privileg des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts.

Ihn allerdings für die Beschreibung seiner aussichtslosen Standpunkte zu kritisieren, wie es Gisela Elsner tut, verkennt Ursache und Wirkung. Franz Kafka konnte sich selbst als erwachsener Mann nicht von seinem Vater distanzieren oder die Auseinandersetzung mit ihm suchen. Sein Verhältnis zu Frauen erscheint problematisch,  als Beamter scheute er Verantwortung und Entscheidungen, obwohl ihm gerade dieses Verhalten beruflichen Aufstieg zum Obersekretär ermöglichte.

Lauter persönliche Dispositionen, die mehr zur Opferrolle als zum Helden taugen. Die Leistung Kafkas besteht darin, seine persönliche Landkarte in seinen Erzählungen und Romanen parabelhaft zu erhöhen und zu verdichten, die empfundene Aussichtslosigkeit so exemplarisch als geschlossenes System darzulegen, mit dichterischen Mitteln in Gleichnissen und märchenhaften Beschreibungen unerbittlicher und durch Gesetzmäßigkeiten bestimmter Grausamkeit, dass er damit ein Werk hinterlassen hat, das in der uns bekannten Literatur einen extremen Platz einnimmt, den kein nach Glück strebender Mensch besetzen möchte.

So hat er nicht die Schrecknisse der folgenden Jahrzehnte vorweg genommen, er hat seine eigenen beschrieben.  Im November 1916 las er öffentlich aus seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, die für die damalige Zeit, wie ich annehme, als extrem grausam empfunden werden musste. Gisela Elsner widerspricht der Annahme, dass Kafka in seinen Beschreibungen Auschwitz vorweg genommen hat, mit der Argumentation, dass hier nur ein Einzelner, zum Tode Verurteilter, von einem einzigen Soldaten exekutiert werde, während in den KZs Massenvernichtungen ihre Opfer jeglicher Individualität beraubten. Ein scheinbar logischer Schluss, in einer Diskussion wahrscheinlich ein Treffer nach Punkten, trotzdem haltlos, weil Kafka nicht versuchte, etwas Zukünftiges zu beschreiben, er schilderte seine eigenen Qualen.

Rezeption hat nicht zwingend mit der Intention des Künstlers zu tun, der seine Einflüsse und seine Absicht meist selbst nur unzureichend beschreiben kann. Wie haben sich 1940 oder 1941 Flüchtlinge in Südfrankreich gefühlt, die Europa nicht verlassen konnten, während Hitler von Sieg zu Sieg eilte? Hilflos? Wie fühlten sich Menschen in diversen Regimen, in denen Polizisten frühmorgens an der Tür klopften und ihre Opfer verschleppten, in Lager steckten oder hinrichteten? Hilflos, entfremdet, ausgeliefert? Erreichte nicht das vorige Jahrhundert eine neue Stufe der menschenverachtenden Grausamkeit, die von den Machthabern meist als gerecht und dem Gesetz verpflichtet dargestellt wurde? Ist es ein Wunder, dass daraufhin ein literarisches Werk entdeckt wurde, das aufgrund der späteren Geschehnisse in der Welt eine besondere Aufmerksamkeit erhielt und mit einer Symbolik aufgeladen wurde, in der der leidende Kafka stellvertretend für andere stand, in fast schon religiösem Ausmaß? Hier Ursache und Wirkung nicht miteinander zu verwechseln, ist meiner Meinung nach notwendig, um dem Werk Kafkas auf tatsächlicher Augenhöhe begegnen zu können. Die Texte bleiben uns in ihrer Unerbittlichkeit erhalten, egal wie wir sie interpretieren. Das ist das Schöne an ihnen, obwohl es schwerfällt, dieses Wort in Verbindung mit ihnen in den Mund zu nehmen.

Ich weiß noch, wie ich mich als Jugendlicher durch die Texte Kafkas kämpfte. Ich empfand sie nicht als angenehm. Gleichzeitig als etwas Besonderes. Ich nehme an, ich bin nicht der Einzige, dem es so erging.

Quelle: http://www.drieschverlag.org

Bildnachweis: Haimo L. Handl, Umschlaggestaltung Louis Christian Wolff

Atemschaukel

Atemschaukel,  von Herta Müller, erschien 2009, in dem Jahr, in dem sie den Nobelpreis erhielt. Es ist aus zwei Gründen ein besonders außergewöhnliches und bemerkenswertes Buch.

Sie berichtet aus der Ich-Perspektive von der Deportation eines jungen Rumänisch-Deutschen, der gegen Ende des zweiten Weltkriegs, wie viele seiner Generation, aus Siebenbürgen in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager verbracht wird. Und diese Geschichte erzählt sie mit einer besonderen Intensität, welche über die die übliche sogenannte Lagerliteratur weit hinausragt. Ja, sie hatte großartige Unterstützung, die Erinnerungen von Oskar Pastior,  Lyriker, auf dessen Erleben die Geschichte größtenteils aufbaut. Sogar auf Quarthefte mit seinen Aufzeichnungen konnte sie zurückgreifen, was notwendig wurde, da er bereits 2006 verstarb.  Trotzdem ist das Buch schon alleine deswegen ein Meisterwerk, weil es ihr gelingt, dieses Geschehen so verdichtet darzustellen, als wenn es ihre eigenen Erinnerungen wären, die sie für uns festgehalten hat.

Der zweite Grund dieses Werk zu lesen, lässt sich nicht in einem einzigen Satz beschreiben, denn er setzt sich aus den vielen phantastischen Sätzen dieses Buches zusammen, die einen erschrecken und entführen, absonderliche Satzgebilde, poetische Konstruktionen, die ihresgleichen suchen, die mich beim Lesen richtiggehend haben zittern lassen. Am liebsten hätte ich zeitweise vor Erstaunen ausgerufen, so ungewöhnlich und gleichzeitig schön waren die gefundenen Benennungen, welche einen tief in das Lagerleben eintauchen lassen.

Die Atemschaukel ist ein Delirium und was für eins. Ich hebe den Blick, da oben stille Sommerwatte, die Stickerei der Wolken. Mein Hirn zuckt mit einer Nadelspitze am Himmel fixiert, besitzt nur noch diesen einen festen Punkt. Und der phantasiert vom Essen. Schon sehe ich die weißgedeckten Tische in der Luft, und der Schotter knirscht mir unter den Füßen. Und die Sonne scheint mir hell mitten durch die Zirbeldrüse. Der Hungerengel schaut auf seine Waage und sagt: Du bist mir noch immer nicht leicht genug, wieso lässt du nicht locker.

Ich könnte viele andere solche Stellen zitieren, großartige Literatur, man kann das Buch zufällig aufschlagen, fast auf jeder Seite wird man Sätze finden, welche die Wirklichkeit einspinnen und auf eine unsagbare Ebene bringen, Wort-Collagen, welche dem Leser lange in Erinnerung bleiben werden.

Kostenlose Ebooks

gibt es zum Beispiel auf Zulu Ebooks, dem Portal für freie digitale Literatur.

200 ebooks können dort heruntergeladen werden, auch die Texte meines ursprünglichen Buches, Der Teufel hat den Blues verkauft, welche ich vor kurzem, aufgeteilt auf vier Bände,  im elektronischen Format unter einer Creative Commons Lizenz wiederveröffentlicht habe. Die Texte sind dort als pdf, epub und mobi vorhanden. Als rtf und als html kann man sie auch von meiner Homepage,  www.lyrikzone.at, einfach zu erreichen über Downloads, beziehen.

Literatur muss nicht teuer sein.

www.zulu-ebooks.com