Archiv der Kategorie: Wissenschaft

Denkanstöße 2012

Der Piper Verlag hat mit seinem jährlich erscheinenden Lesebuch zu aktuellen Themen ein simples und gut funktionierendes Rezept. Er stellt jedes Jahr aus seinem umfassenden Sachbuchprogramm eine interessante Auswahl aus den Bereichen Philosophie, Kultur, Geschichte und Wissenschaft zusammen und veröffentlicht die Textauszüge unter dem Titel Denkanstöße.

So finden sich im aktuellen Jahrbuch Texte über Einstein, Nelson Mandela, Graf Moltke, über die Geschichte des Universums, Marie Curie, über Lebenslehrer und den Traum aller Pflanzenjäger. Zwölf Kapitel auf knapp 200 Seiten. Der Erfolg der Reihe liegt in der geballten und abwechslungsreichen Information. Sollte einem eines der Kapitel nicht zusagen, blättert man zum nächsten weiter, ein anderes Thema, ein anderer Autor, für jeden, der grundsätzlich an den neuesten Impulsen aus Politik oder Naturwissenschaften interessiert ist, gibt es interessante Standpunkte zu entdecken.

Natürlich könnte man die Reihe auch als gut gelungene Reklamewurfsendung zum aktuellen Buchprogramm des Piper Verlags bezeichnen. Wenn schon, das Lesebuch ist trotzdem oder gerade deswegen ein sympathischer Bestseller, der jedes Jahr interessierte Leser findet.

Faktor 10

Eine dünne Schicht trennt unsere Zivilisation von Barbarei und Verwüstung, sechzig Zentimeter umfasst sie. Im Sicherheitsbehälter von Reaktor 2, dort wo die Hölle ungestört schmort, ist das der gemessene Wasserstand. Zehn Meter wurden erwartet, als zuletzt im Dezember die Presseaussendung zu lesen war, dass die Lage in Fukushima unter Kontrolle sei.

Das Wasser im Sicherheitsbehälter soll die aus dem Reaktorkessel ausgetretene Kernschmelze kühlen, von der man annimmt, dass sie sich am Boden des Behälters befindet. Genaueres weiß man nicht. Dieser ist übrigens nicht für die nun notwendigen Wassermengen ausgelegt und weist Lecks auf, durch die immer wieder radioaktives Wasser ins Meer strömt. Im März waren es 120 Tonnen, heute wurden erneut 12 Tonnen gemeldet.

Im Sicherheitsbehälter wurde dazu noch eine radioaktive Strahlung von 72,9 Sievert gemessen, eine mehr als 10-fach tödliche Dosis – wenn man ihr für kurze Zeit ausgesetzt ist. So kann man sich ausrechnen, welche Schäden an der Umwelt entstehen. Und verharmlosende Begriffe wie Verdünnungseffekte des Ozeans können nicht verschleiern, dass die Situation im Kernkraftwerk nachwievor nicht unter Kontrolle ist, gar nicht sein kann. Primitivste Kühlungsfunktionen, die an Kinderspielereien erinnern, sollen den Status Quo zumindest aufrecht erhalten. Mindestens zehn Jahre, so nimmt man an, werde es dauern, bis man die Kühlstäbe bergen könne.

Mit welchem Faktor muss man die Zahl multiplizieren, um sich der Wirklichkeit zu nähern? Es ist anzunehmen, dass weitere unangenehme Wahrheiten noch folgen.

Quellen:
Presse, 29.3.2012
Süddeutsche, 28.3.2012
Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren
Frankfurter Allgemeine, 27.3.2012
ORF, 5.4.2012

Es wimmelt von Planeten

100 Milliarden Sterne pro Galaxie, 100 Milliarden Galaxien. Ob die Annahme ungefähr stimmt, das weiß kein Mensch, wobei die Erkenntnis, dass es unvorstellbar viele Sterne und damit höchstwahrscheinlich auch ganz viele Planeten in diesem für uns nicht begreifbaren Weltall gibt, keine Überraschung sein kann. Sofern man nicht einem geozentrischen Weltbild mit wortwörtlicher Auslegung sogenannter heiliger Bücher verpflichtet ist.

Trotzdem zweifelten Astronomen noch vor zwanzig Jahren, ob es Planeten außerhalb unseres Sonnensystems gebe. Ein paar tausend wurden bisher entdeckt und nach neuestem Erkenntnisstand gehen Wissenschaftler davon aus, dass jeder Stern im Schnitt von 1,6 Planeten umkreist wird, dass allein in der Milchstraße zehn Milliarden Sterne einen Planeten besitzen, der sich aufgrund seiner Entfernung zur Sonne in einer bewohnbaren Zone befindet.

Die Erde sei nicht einzigartig? Der Mensch nur eine Lebensform unter vielen anderen? Wie würden sich die Kirchen verhalten? Was bliebe übrig von auserwählten Völkern oder Stämmen, von exklusivem Anspruch auf Wahrheit und Regeln? Darf man sich vorstellen, dass die Gründer irdischer Religionen ihre Botschaft beim Planetenhüpfen all den anderen Zivilisationen im Erweckungsstadium verkündeten? Oder fänden ihre Nachlassverwalter auf der Erde einen theologischen Schmäh, der alles bisherige rechtfertigen könnte?

Mittels der Drake-Gleichung, benannt nach Frank Drake, US-Astrophysiker, kann man spekulieren, wie viele außerirdische Kulturen es in der Milchstraße gibt, die technisch in der Lage und gewillt wären, mit uns zu kommunizieren.

Dedicated to Giordano Bruno, als Ketzer hingerichtet, 1600, in Rom

Quellen:
Focus Online, 11.1.2012
Spiege Online, 11.1.2012

Bildnachweis: Gerd Altmann  / pixelio.de

AKW Fukushima komplett unter Kontrolle

Nach neun Monaten und Kernschmelze in drei Reaktoren. Endgültig. Bitte nach Hause gehen. Aber nicht in die gesperrten Zonen. Kaltabschaltung, unter hundert Grad, am Boden des Druckbehälters.

Millionen Tonnen radioaktives Wasser. Kühlungskreisläufe wie auf dem Kinderspielplatz. 3.000 Grad heiße Klumpen auf dem Boden der Umhüllung. 24.000 Jahre weiter hoffen oder kühlen oder Betonmäntel bauen. Denn das ist die Halbwertzeit von Plutonium. Ohne Kriege, Wechsel der Regierungsform, Zerfall gesellschaftlicher Strukturen oder Missbildungen.

Laut Tepco wird es noch Jahre dauern, bis man das Innere der Reaktoren genauer untersuchen kann.

Quelle:
Die Presse, 16.12.
Spiegel Online, 16.12.

Bildnachweis: Gerd Altmann / pixelio.de

Frettchen sind nicht mit Menschen vergleichbar

Selbst wenn 60% von ihnen sterben, wie es zuletzt in einem Laborversuch geschah, bei dem der Schweinegrippevirus, der von Mensch zu Mensch glücklicherweise schwer übertragbar ist, an fünf Stellen verändert der Tröpfcheninfektion den Weg ebnete. Heureka. Zur Verteidigung der Wissenschaft. Als Prophylaxe. Weil es ihn gibt oder weil 42 die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Welt ist.

Ob die Ängste, dass er aus dem viralen Hochsicherheitstrakt entkommen oder die wissenschaftliche Publikation als Bauanleitung von Bioterroristen zweckentfremdet werden könnte, berechtigt sind, darüber ließe sich trefflich streiten. Der Mensch dringt ins Innerste der Natur vor, dem verdanken wir unsere gestiegene Lebenserwartung und Wasserklosetts.

Dinosaurier beherrschten diesen Planeten ca. 160 Millionen Jahre lang, für Menschen mit Kurzzeitgedächtnis, egal ob mit oder ohne Batterie, ein mit den Sinnen nicht begreifbarer Zeitraum. Vorwärts, ohne nachzudenken.

Das ist gut, denn sonst säßen wir noch auf den Bäumen. Ob das Verhalten länger als für ein paar tausend Jahre funktioniert und komplex vernetzten Ursache-Wirkung-Szenarien in erdgeschichtlich relevantem Ausmaß standhalten kann, werden erst spätere Fossilienforscher wissen.

Quellen:
Welt Online, 22.12.
Süddeutsche, 22.12.

Bildnachweis: Rainer Sturm / pixelio.de