Prognose 2012

Im Zeitalter der Experten und zertifizierten Wissensüberbringer hat sich die Branche der professionellen Orakelkünstler grundlegend gewandelt: statt Tieropfer und Vogelschau untermauern Trendbarometer und Zauberdiagramme gewählte Vorhersagen. Die Spezialisten irren regelmäßig, egal ob Wettervorhersagen oder Kursentwicklungen der Börse, ihre Ergebnisse sind nicht besser als die von Laienschauspielern oder Taxifahrern. Der Grund ist simpel und einleuchtend: was wir über die Zukunft wissen, ist falsch.

Trotzdem machen sich Jahr für Jahr erprobte Prognosetäter über die nächsten zwölf Monate her, um ihr Glück zu versuchen. Was könnte so jemand für 2012 versprechen? Möchte er oder sie für seine oder ihre Prophezeiungen berühmt werden, muss man schon kräftig investieren. Der Papst wird sterben, wäre eine geeignete Behauptung, was jedes Jahr eine gute Chance ist, denn es sind nie die Jüngsten, die zu Wahl stehen, und es gibt immer einen.

Damit wird man nicht berühmt, man kann noch weiterlizitieren und behaupten, dass Kardinal Schönborn zum Nachfolger gewählt wird, als Fortsetzung des mitteleuropäischen Triumvirates, welches nach dem zweiten Vatikanischen Konzil die Konterrevolution innerhalb der katholischen Kirche  sozusagen auf die Spitze trieb. Mit solchen Aussagen ließe sich beispielsweise der Verkauf des nächsten Sachbuchs kräftig ankurbeln und man könnte zu diversen Fernsehdiskussionen eingeladen werden.

Eine weitere Möglichkeit der Provokation wäre die Vorhersage des Todes einer bekannten und netten, älteren Lady, der Queen Elizabeth II. Was ziemlich unwahrscheinlich ist, sie wird mindestens 98 Jahre alt (God Save The Queen), aber so ein Treffer könnte einem richtigen Propheten schon Punkte bringen.

Mit Kinkerlitzchen wie: ein bekannter Schauspieler wird unter ungeklärten Umständen ums Leben kommen, wollen wir uns hier nicht aufhalten, damit gewinnt man in der Prophetengilde keinen Blumentopf, das passiert jedes Jahr. Den Weltuntergang sollte man 2012 auslassen, das kann man für 2013 wieder versuchen, der 21. Dezember wird ein wunderschöner Tag. Auch Terroristen werden ihn meiden, die allgemeine Aufmerksamkeit könnte ihrem Vorhaben schaden, dafür könnte man behaupten, dass es im Juli einen fürchterlichen Anschlag geben wird. Warum Juli? Na, für irgendeinen Monat muss man sich entscheiden und wenn man sich irrt, wird man sowieso schnell vergessen.

Experten gehen zeitweise sogenannte Risiken ein. Für die Wahl des amerikanischen Präsidenten sind die Chancen, dass er gewinnt, ca. fünfzig Prozent, also kann man ruhigen Gewissens behaupten, dass er nicht wiedergewählt wird. Im Falle der gegensätzlichen Entwicklung kann man immer noch auf die verschiedenen Geschehnisse im laufenden Jahr verweisen und dass Vorhersagen immer nur eine von mehreren Möglichkeiten sind.

Als vertrauensbildende Maßnahme argumentiere man für das Funktionieren der Realwirtschaft und gegen den Zusammenbruch der Euro-Zone, es muss ja auch noch jemanden geben, der einem die Gage zahlt.

Dass in Österreich noch der eine oder andere vermeintliche Korruptionsskandal bekannt wird, gehört zur Kategorie Einser-Bank, und ist maximal für einen eingeschobenen Nebensatz zu gebrauchen.

Dass Nordkorea blufft und gar keine Atomraketen hat, wird 2012 noch nicht bekannt. Die unvorhersehbare Entwicklung im Irak zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden macht es leicht, für dort verherende Entwicklungen, welche sich auf die gesamte arabische Welt und damit auf die Weltpolitik und zuletzt das bereits überdehnte amerikanische Imperium auswirken werden, zu prophezeien.

Und wenn es anders kommt, ist es uns auch recht, denn die Zukunft ist immer ein gutes Geschäft.

Bildnachweis:  Lilo Kapp  / pixelio.de

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2 Kommentare

  1. […] erweise ich Kassandra Referenz und kann für mich in Anspruch nehmen, meine erste erfolgreiche Prognose für2012 getroffen zu […]

  2. […] Statistik und etwas Chuzpe kann man erfolgreiche Prophezeiungen treffen, darüber habe ich schon zu Jahresbeginn einen ironischen Beitrag verfasst, den ich natürlich gegen Jahresende auf Wharheitsgehalt überprüfen werde. Ich habe damit Recht […]

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