Ich habe keine Eile

Ich habe keine Eile. Ich werde Tier sein, ein Tier, das sein Leben bis zum Schluss erträgt und darum kämpft.

Michel Houellebecq, Man muss den Tod abschaffen, Die ZEIT, 2000

Das Wehren gegen den Tod führt in bestimmten Fällen zu hohem Alter. Elias Canetti wurde 89 Jahre alt, Michel Houellebecq muss sich in dem Metier erst beweisen. Zsa Zsa Gabor kämpft noch als Beispiel dafür, dass Totgesagte oft länger leben.

Im Vergleich mit Johannes Heesters, dem dienstältesten Schauspieler der Welt, waren sie alle Amateure. 108 Jahre, bis zum Schluss ist er auf der Bühne gestanden. Spötter könnten meinen, hingestellt und angelehnt. Egal, er war präsent, sang, und seine Fans dankten es ihm.

Er arbeitete, um zu leben, um sich am Leben zu halten, etwas, für das sprichwörtlich viele Österreicher kein Verständnis haben, die lieber schicksalsergeben ihre Frühpension planen statt sich mit den Möglichkeiten ihrer Gegenwart auseinanderzusetzen und vor einer der grundlegenden Fragen der eigenen Existenz flüchten. Was zuerst bequem sein mag, aber die Gefahr einer späteren Reue beinhaltet, die nicht wiedergutzumachen ist.

Da fällt es mir wesentlich leichter, die Leistung eines Johannes Heester zu respektieren, der als ÜHU, als über Hundertjähriger, noch Text auswendig lernte, um öffentlich aufzutreten und lieber das Risiko einging, sich lächerlich zu machen. Selbst wenn er für mich wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit erscheint und Operette in meiner ewigen und nach oben offenen Beliebtheitsskala ca. in der Gegend von stinkenden Socken angesiedelt ist, kann ich mit seiner Haltung immer noch wesentlich mehr anfangen als mit den harmlosen Beliebigkeitsbemühungen heimischer Provenienz (und oft auch Prominenz).

Übrigens: noch ein Urgestein hörte auf zu leben, Cheetaa, der Schimpanse aus den Tarzan-Filmen der 30-er Jahre, mehr als achtzig Jahre soll er alt geworden sein, zuckerkrank, Bilder malend, im Altersheim für ausgediente Primaten. Allerdings soll er nicht der echte gewesen sein, die übliche Lebenserwartung liegt bei vierzig bis fünfzig Jahren.

Aber ich verfluche den Tod. Ich kann nicht anders. Und wenn ich darüber blind werden sollte, ich kann nicht anders, ich stoße den Tod zurück. Würde ich ihn anerkennen, ich wäre ein Mörder.

Elias Canetti, Über den Tod

Bildnachweis: Gerd Altmann / pixelio.de

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