Arabiens Stunde der Wahrheit

Lesen Politiker noch Bücher?

Nach Meinung vieler Zeitgenossen bestand die Regierung von John F. Kennedy aus den besten nur denkbaren Köpfen, intelligent, gebildet, mit guter Absicht traten sie ins Regierungsamt und verursachten die amateurhafte Invasion in der Schweinebucht, führten beinahe einen Atomkrieg und begannen die Intervention in Vietnam, die sich später zum Trauma einer Generation entwickelte.

Die Torheit der Regierenden kann sich auch anders darstellen. Politiker, die im Interview glaubwürdig versichern, als einziges Buch den Schatz im Silbersee vollständig gelesen zu haben. Wobei man fairerweise hinzufügen muss, es wurde nie gänzlich geklärt, ob der Interviewte mit dem Interviewer ein ironisches Spiel trieb.  Jedenfalls schadet eine vorgegebene Ferne zu Kultur und Intellekt nicht an der Wählerurne, an der so manches intelligente Argument populistisch begraben wird.  Genauso wenig wie gepflegte Brüderschaft mit Boulevard und Seitenblicken.

In Kambodscha, unter den Roten Khmer, war man als Brillenträger automatisch Intellektueller und wurde deswegen mit einer Schaufel erschlagen. So weit sind wir in Österreich noch nicht, wobei zumindest brillentragende Abgeordnete und Minister im Parlament nicht gerade überwiegen.

Dem zu Trotz gibt es Bücher, welche Politiker lesen sollten und die helfen könnten, längerfristige und größere Zusammenhänge, wenn nicht zu verstehen, so zumindest zu erahnen. Arabiens Stunde der Wahrheit, von Peter Scholl-Latour, ist so ein Buch, in dem er, wie bereits in seinen früheren Werken, erzählt, veranschaulicht und erklärt. Er mischt Geschichte, geografische Eigenheiten, Erlebtes und Gespräche. Er webt es zu einem orientalischen Teppich und zeigt das Netz von Fäden, das auf dichtem Raum nebeneinander liegt, oft in Blickkontakt und doch durch Grenzen, ethnischer, politischer oder religiöser Art, voneinander getrennt.

Das Buch ist hochaktuell, man nehme den breiten Gürtel islamischer Staaten, ihre ungelösten Probleme, deren Ursachen für die Gegenwart oft weit zurückliegen, in frühen Kalifaten, in Hinterlassenschaften der Kolonialregierungen, in Veränderungen der letzten paar Jahrzehnte. Dazu der sogenannte arabische Frühling, Unruhen, Aufstände, Verwicklungen, egal ob Algerien, Ägypten, Irak oder Bahrein, sie sind nicht plötzlich entstanden und sie werden nicht auf einmal beendet sein.

Peter Schol-Latour vermittelt Fakten und Hintergrundwissen in großem Umfang, in manchen Passagen ein klein wenig zuviel, was wieder gut gemacht wird, durch lebhaftes Veranschaulichen in Form von Zeitsprüngen und Ortswechseln, durch den geübt gelungenen Mix, der seine Berichte und Analysen meist auszeichnet, die zuweilen etwas eigenwillig und nicht dem Mainstream angepasst sind, was auch seiner guten Kenntnis des islamischen Raums zu verdanken ist, den er auf  persönlichen Reisen und Treffen seit den fünfziger Jahren regelmäßig besucht hat. Wer nicht Politiker werden möchte, sollte das Buch erst recht lesen, er wird so mehr Verständnis für Schlagzeilen entwickeln und diverse Kommentare mit etwas mehr Skepsis betrachten müssen.

Bildnachweis: Jerzy Sawluk  / pixelio.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: