Karte und Gebiet

Ein Künstlerroman? Soziologische Betrachtungen? Oder doch ein Krimi? Vielleicht Science-Fiction oder Satire? Nun, von allem etwas, der aktuelle Roman von Michel Houllebecq lässt sich nicht mit einem einzigen Etikett versehen. War es bei seinen früheren Romanen, wie Elementarteilchen oder Die Möglichkeit einer Insel, einfacher sie einzuordnen – entweder gefielen sie einem oder nicht, fand sie großartig oder trivial, ich selbst fand sie sehr gelungen – bei Karte und Gebiet ist das Urteil nicht nur deswegen schwieriger, weil verschiedene Genres den Roman zusammenfügen, sondern auch weil die Passagen unterschiedlich gut gelungen sind.

Zuerst ist es vorrangig ein Roman, der die Entwicklung eines Künstlers schildert, den heutigen Kunstbetrieb, sich gleichzeitig über ihn lustig macht und als Kunstgriff die Figur des Autors mit einer wesentlichen Rolle in die Handlung integriert, ein unterhaltsames Vexierspiel, das den Leser raten lässt, was Fiktion ist und ob gewisse Positionen oder Haltungen der Romanfigur Houellebecq realen Bezug zu seiner tatsächlichen Person haben könnten. Der Grundbogen des Romans hält das Interesse am weiteren Schicksal der Hauptfigur aufrecht, der gewaltsame Tod der Romanfigur Houellebecq passt in die Handlung, ist gut für Marketing und Verkaufszahlen des Buches.

Die Passagen, welche das Werk des Künstlers über mehrere Seiten in der Sprache des Kunstmarkts beschreiben, sind vielleicht eine gelungene Persiflage, können aber auch langweilen oder den Verdacht erwecken, dass Texte bestehender Galerieprospekte montiert, verfremdet oder abgeschrieben wurden. Mein Urteil wäre bei mehrmaligem Lesen wahrscheinlich von der Tagesverfassung abhängig. Die soziologischen Einschübe,  über William Morris, über Handwerk, Konzeption und Kunsttheorie, hätte ein anderer Lektor möglicherweise gekürzt.

Danach entwickelt sich das Buch zum Krimi, was mich schon befürchten ließ, dass es ein vorauszusehendes Ende haben werde, was zu meiner Erleichterung doch nicht geschah, mich beim Lesen trotzdem einige Zeit beunruhigte. Am Schluss läuft das Buch noch in die Zukunft über, ein für Houellebecq typisches Motiv, eine interessante Spekulation, in Details manchmal zu sehr der Gegenwart verhaftet – ob es zum Beispiel in ein paar Jahrzehnten noch 21-Zoll-Monitore gibt?

Gesamteindruck? In Summe positiv, mit Einschränkungen. Der Autor scheidet die Geister, auch darin ist er mit Thomas Bernhard vergleichbar. Wie mit seinem nüchternen und kühlen Blick auf die Außenwelt, kategorisch und unversöhnlich, mit den Passagen, in denen er seinen Anschauungen oder denen seiner fiktiven Personen viel Platz einräumt, Textteile, die in jeder Schreibschule verpönt ausgebuht würden, seine gezielten Provokationen, die diesmal weniger offensichtlich geschehen, aber doch vorhanden sind, nur mit etwas anderen Schwerpunkten, bis hin zur Kursivsetzung bestimmter Wörter, die dadurch besonderes Gewicht bekommen sollen.

Es ist ein komplex angelegtes Buch, man könnte auch sagen, es bricht mit seinem Parforceritt mehrmals die Erwartungen des Lesers, auch weil es Muster seiner bisherigen Romane intelligent variiert, Schwerpunkte neu setzt und somit neue Möglichkeiten im Werk von Houellebecq eröffnet. Houellebecq liest man nicht wegen seiner sprachlichen Eleganz oder  dramaturgischen Gestaltung, der Erfolg seiner Romane zeigt, dass seine Themen relevant sind, sonst würden sie nicht so intensiv diskutiert.

Es gibt Bücher, bei denen die richtige Einordnung innerhalb eines Werks nur durch die danach erfolgten Veröffentlichungen möglich ist, dass man erst dann erkennen kann, ob es ein Zwischenschritt oder ein Anlauf zu etwas Neuem war. Somit bin ich auf seine nächsten Romane gespannt.

Bildnachweis:  Thomas Siepmann  / pixelio.de

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