Das ist Diebstahl

Der Produktlebenszyklus von Büchern nähert sich immer mehr dem anderer Branchen an. Der Zeitraum, in dem eine literarische Arbeit wirtschaftlich relevant verwertbar ist, schrumpft. Wenn gleichzeitig Autoren für eine Veröffentlichung immer noch die Nutzungsrechte am eigenen Werk auf unbegrenzte Zeit exklusiv hergeben müssen, so ist das Diebstahl.

Die Ich-AG des Kunstschaffenden ist darauf ausgerichtet, ein selbständiges Werk zu schaffen, vorwiegend den eigenen Ansprüchen und Zielrichtungen verpflichtet. Sein Ziel ist nicht die Erfüllung von Kundenbedürfnissen, wofür sonst Anstrengungen am Markt belohnt werden. Insofern ist der Wunsch des Künstlers, für seine Arbeit entlohnt zu werden, ein weitgehend unrealistischer Ansatz, der nur für eine Spitzengruppe erreichbar ist.

Trotzdem möchte jeder Künstler Lohn und Anerkennung für sein Werk finden. Stolz führen Autoren erhaltene Staatsstipendien in ihren Lebensläufen an, als wenn es eine künstlerische Auszeichnung wäre, literarische Mietzinsbeihilfe zu erhalten. In keinem gewöhnlichen CV würde eine solche Hilfeleistung angeführt, diese verschwiege man sicherheitshalber um jeden Preis. Unbekannte Schriftsteller verhandeln mit Veranstaltern wegen Lesungshonoraren, obwohl solche Termine unter dem Motto Bring your Friends and Family stehen. Wer wenig vernetzt oder nicht breitenwirksam bekannt ist, steht auf der untersten Stufe des Markts und darf sich hinsichtlich möglicher Einnahmen keine Illusionen machen.

Tut er es trotzdem, ist er dankbares Objekt für die Interessen derer, die von ihm profitieren, den Rechteverwertern, die ihm eine Karotte hinhalten, ihn instrumentalisieren, und als Schutzschild vor ihre Kampagnen stellen, damit der Erhalt unfairer Nutzungsrechte den Nutznießern möglichst lange weiter erhalten bleibt. Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Begriffen ist nicht zufällig, er ist vielmehr unentflechtbar. Autoren, die nicht Krimis oder Vampirromane schreiben, müssen in vielen Fällen froh sein, in einem nennenswerten Verlag veröffentlichen zu können, ohne dafür bezahlen zu müssen. Es soll sogar sogenante Qualitätsverlage geben, in denen selbst das nicht immer selbstverständlich ist. Die soziale Rangstufe, auf der ein Schreibender steht, ist davon abhängig, welchen Ruf und welche Größe die Verlage haben, in denen er publizieren kann.

So ist ein literarisch Schreibender mehrfach eingesperrt. Im Ghetto Gleichgesinnter, dessen Aufmerksamkeitradius er verlassen muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. In den Regeln des Kunstbetriebs, welcher die Arrivierten schützt und nur bei genügend Hartnäckigkeit durchlässig ist. Von Anforderungen des Markts, die er als Kunstschaffender nur unter außergewöhnlichen Konstellationen bedienen kann.

So bleibt ihm als Ausweg nur die Freiheit, aus innerem Antrieb heraus seinen selbstauferlegten Zwängen unbeirrt zu folgen. Weiters kann er sich dafür einsetzen, dass Künstler in Zukunft Nutzungsrechte nicht pauschal und unbegrenzt zur Verfügung stellen müssen, wenn sie einen kleinen Schritt auf der bescheidenen Verwertungpyramide machen wollen. Anstatt in der Urheberrechtsdebatte auf der eigenen Gegenseite zu stehen.

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ein Kommentar

  1. Passt das nicht genau die Kunstbranche im Allgemeinen? Rät man nicht immer einem Schauspielschüler: Lerne erst einen ordentlichen Beruf, damit du was hast. Von der Schauspielerei kannt du vielleicht nicht leben.
    Und sind nicht viele Bildende Künstler erst nach ihrem Tod „wertvoll“ geworden. Kann man Schriftstellerei planen? Und wie war es mit den Plattenstars. Die Tonträgerhersteller verdienten sich dumm und dämlich, während die Bands „Hungerleider“ geblieben sind.
    Die Industrie und die Rechtevermarkter und GEMA und andere können es verteufeln: Der Unbekannte soll über neue soziale Medien in Eigenregie versuchen, sich bekannt zu machen und damit in eine bessere Verhandlungsposition zu kommen. Oder man wird protegiert.
    C.H.

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