Kafkas Gefahrenklassen

Der Driesch Verlag, beheimatet in Niederösterreich, bringt neben seinem Buchprogramm nicht nur vierteljährlich eine Literaturzeitschrift heraus, er hat darüber hinaus mit der Einzelpublikation von Essays und Prosa in einer Heftreihe, der sogenannten Driesch Reihe, begonnen. Die erste Ausgabe, 40 Seiten in Quartheftformat, ist sehr wertig in Schwarzweiß gehalten, kostet ganze vier Euro, und beinhaltet einen Aufsatz über Franz Kafka, den die Schriftstellerin Gisela Elsner erstmals 1988 im Zsolnay Verlag veröffentlichte. Die Rechte liegen inzwischen beim Verbrecher Verlag, der Driesch Verlag erhielt für eine limitierte Ausgabe die Abdruckerlaubnis.

Gefahrensphären lautet der Titel und eröffnet eine kritische Betrachtung des Werks von Franz Kafka, ausgehend von den Amtlichen Schriften, die er beruflich in der Allgemeinen Arbeiter- und Unfallversicherung verfasste. Ich kenne nicht den Stand der Kafka-Forschung, vertiefe mich ansonst nicht in literaturtheoretische Diskussionen, bevorzuge das „primäre Schreiben“ gegenüber dem sekundärwissenschaftlichen, und fand den Aufsatz trotzdem sehr interessant. Allerdings rief er bei mir heftigen Widerspruch hervor, sodass ich mich dafür entschied, hier ein bisschen darauf einzugehen.

Der Gedanke, dass die Arbeitswelt Kafkas, der seine Tätigkeit, versicherungspflichtige Betriebe nach Gefahrenklassen einzuteilen, als quälenden Brotberuf  betrachtetete, der ihm ermöglichte, sich dafür nachts in einen literarischen Schriftsteller verwandeln zu können, sein Werk mitentscheidend geprägt haben und demzufolge auch einiges über seine Person aussagen könnte, ist ein durchaus naheliegender. So betrachtet sie seine vorliegenden Schriften als Beamter, zieht daraus Parallelen und Schlüsse, leider nicht ideologiefrei, denn Gisela Elsner, bis nach der Wende überzeugte Kommunistin, verwässert ihren interessanten Ansatz dadurch, dass sie ihre Betrachtungen allzu rasch auf mangelndes Klassenbewusstsein Kafkas zuspitzt, was schade ist, nicht nur weil eine solche Argumentation bereits zu dem Zeitpunkt zu dem sie erschien, 1988, nicht mehr adäquat war, sondern weil sie vor allem etwas Entscheidendes übersieht.

Franz Kafka ist Beamter, in einer Welt, in der der Stand durch Geburt vorrangig die Möglichkeiten in der Gesellschaft bestimmte, in einem Arbeitsumfeld, das streng hierarchisch geregelt war, viel unversöhnlicher und mit viel weniger Freiheiten ausgestattet, als wir es uns heute vorstellen können. Es ist absurd zu glauben, dass Kafka beim Verfassen seiner amtlichen Schriften allzuviele Möglichkeiten hatte, sicher musste er seine Abhandlungen durch Vorgesetzte genehmigen lassen und wir wissen nicht, wieviele der ihm zugeschriebenen Worte letztendlich wirklich von ihm selbst stammen oder ihm hinein redigiert wurden. So kann man aus Wortlaut und Tendenz seiner Schriften sicher weniger ableiten als Gisela Elsner darzustellen versucht.

Wenn man über solche Stellen hinwegzulesen im Stande ist, wird man dafür mit interessanten Einzelheiten belohnt, die den Einfluss der beamteten Tätigkeit Kafkas auf sein Werk augenscheinlich machen. So zum Beispiel die Wahl seiner Figuren, die sich mit seinem beruflichen Umfeld deckt, die Machtlosigkeit von Individuen und die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenn sie mit Absicht gefährlichen beruflichen Situationen ausgesetzt werden, wie er es in UNFALLVERHÜTUNGSMASSREGEL BEI HOLZHOBELMASCHINEN beschreibt.

Auch die Folgerung, dass Kafka sein Arbeitsleben als immer größer werdende Aussichtslosigkeit, als unsinnige Bürokratie, die nur für sich selbst existierte, empfand, die ihn beim Schreiben seiner Erzählungen beeinflusste,  halte ich für wahrscheinlich. Viele Menschen erleben auch noch hundert Jahre später Entfremdung,  Bürokratie und Sinnlosigkeit an ihrem Arbeitsplatz, das ist kein Privileg des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts.

Ihn allerdings für die Beschreibung seiner aussichtslosen Standpunkte zu kritisieren, wie es Gisela Elsner tut, verkennt Ursache und Wirkung. Franz Kafka konnte sich selbst als erwachsener Mann nicht von seinem Vater distanzieren oder die Auseinandersetzung mit ihm suchen. Sein Verhältnis zu Frauen erscheint problematisch,  als Beamter scheute er Verantwortung und Entscheidungen, obwohl ihm gerade dieses Verhalten beruflichen Aufstieg zum Obersekretär ermöglichte.

Lauter persönliche Dispositionen, die mehr zur Opferrolle als zum Helden taugen. Die Leistung Kafkas besteht darin, seine persönliche Landkarte in seinen Erzählungen und Romanen parabelhaft zu erhöhen und zu verdichten, die empfundene Aussichtslosigkeit so exemplarisch als geschlossenes System darzulegen, mit dichterischen Mitteln in Gleichnissen und märchenhaften Beschreibungen unerbittlicher und durch Gesetzmäßigkeiten bestimmter Grausamkeit, dass er damit ein Werk hinterlassen hat, das in der uns bekannten Literatur einen extremen Platz einnimmt, den kein nach Glück strebender Mensch besetzen möchte.

So hat er nicht die Schrecknisse der folgenden Jahrzehnte vorweg genommen, er hat seine eigenen beschrieben.  Im November 1916 las er öffentlich aus seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, die für die damalige Zeit, wie ich annehme, als extrem grausam empfunden werden musste. Gisela Elsner widerspricht der Annahme, dass Kafka in seinen Beschreibungen Auschwitz vorweg genommen hat, mit der Argumentation, dass hier nur ein Einzelner, zum Tode Verurteilter, von einem einzigen Soldaten exekutiert werde, während in den KZs Massenvernichtungen ihre Opfer jeglicher Individualität beraubten. Ein scheinbar logischer Schluss, in einer Diskussion wahrscheinlich ein Treffer nach Punkten, trotzdem haltlos, weil Kafka nicht versuchte, etwas Zukünftiges zu beschreiben, er schilderte seine eigenen Qualen.

Rezeption hat nicht zwingend mit der Intention des Künstlers zu tun, der seine Einflüsse und seine Absicht meist selbst nur unzureichend beschreiben kann. Wie haben sich 1940 oder 1941 Flüchtlinge in Südfrankreich gefühlt, die Europa nicht verlassen konnten, während Hitler von Sieg zu Sieg eilte? Hilflos? Wie fühlten sich Menschen in diversen Regimen, in denen Polizisten frühmorgens an der Tür klopften und ihre Opfer verschleppten, in Lager steckten oder hinrichteten? Hilflos, entfremdet, ausgeliefert? Erreichte nicht das vorige Jahrhundert eine neue Stufe der menschenverachtenden Grausamkeit, die von den Machthabern meist als gerecht und dem Gesetz verpflichtet dargestellt wurde? Ist es ein Wunder, dass daraufhin ein literarisches Werk entdeckt wurde, das aufgrund der späteren Geschehnisse in der Welt eine besondere Aufmerksamkeit erhielt und mit einer Symbolik aufgeladen wurde, in der der leidende Kafka stellvertretend für andere stand, in fast schon religiösem Ausmaß? Hier Ursache und Wirkung nicht miteinander zu verwechseln, ist meiner Meinung nach notwendig, um dem Werk Kafkas auf tatsächlicher Augenhöhe begegnen zu können. Die Texte bleiben uns in ihrer Unerbittlichkeit erhalten, egal wie wir sie interpretieren. Das ist das Schöne an ihnen, obwohl es schwerfällt, dieses Wort in Verbindung mit ihnen in den Mund zu nehmen.

Ich weiß noch, wie ich mich als Jugendlicher durch die Texte Kafkas kämpfte. Ich empfand sie nicht als angenehm. Gleichzeitig als etwas Besonderes. Ich nehme an, ich bin nicht der Einzige, dem es so erging.

Quelle: http://www.drieschverlag.org

Bildnachweis: Haimo L. Handl, Umschlaggestaltung Louis Christian Wolff

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