Zauberworte

Wer sein Handeln und Tun der Maxime einer möglichen Nachwelt unterordnet, für den hat die Evolution etwas vorgesehen, nämlich Fortpflanzung. Man zeuge zwei Kinder und hoffe, dass jedes sich und seine Nachkommen in der gleichen Häufigkeit vermehre. Bei angenommen drei Generationen pro hundert Jahren führt das nach eintausend Jahren zu 2 hoch 30, also rund einer Milliarde Menschen mit genetischem Material, das vom Urheber stammt, vorzeitige Ausfälle, Einzelgänger, Impotenz und Misanthropen unberücksichtigt.

Andere Möglichkeiten der Nachwelt gesichert bekannt zu bleiben, bestehen darin, Millionen von Menschen umzubringen oder ähnlich gelagerte Grauslichkeiten zu begehen. Die Anzahl der über Jahrhunderte hinaus bekannten Künstler ist im Vergleich mit historischen Tätern gering geblieben. Im Übrigen sollte darauf hingewiesen werden, dass die unter den Dinosauriern überlieferten Heldenepen uns trotz ihrer viele Millionen Jahre anhaltenden Herrschaft über diesen Planeten nicht bekannt geworden sind. Es ist anzunehmen, dass unsere paar tausend Jahre des Hochmuts enden werden, bevor die Sonne das Stadium eines weißen Zwergs erreicht.

Betrachten wir trotzdem einmal die nächsten ein bis zwei Jahrhunderte. Welche Möglichkeiten gibt es, literarisch einige wenige Jahre zu überleben? Zu Lebzeiten kommerziell erfolgreich sein und hoffen, dass der Erfolg anhält. Sein Werk in einer Truhe verschließen oder testamentarisch dafür zu sorgen, dass es nicht aufgeführt oder gar vernichtet werde. Für ausgesuchte Nachlaßverwalter, die einen nicht wörtlich nehmen, ist bei dieser Methode naturgemäß vorzusorgen. Seine Arbeit so allgemein gültig (und damit auch neutral) zu halten, dass sie zeitlos bleibe. Der Vorläufer einer bestimmten Stilrichtung oder Denkschule zu sein (oder noch besser ihr Begründer). Oder ein für die eigene Zeit typisches und nachvollziehbares Bild zu vermitteln.

Das sind die mir bekannten Möglichkeiten, deren Aufzählung sicher noch nicht vollständig, aber zumindest anschaulich ist. Und es muss uns bewusst sein, dass bei hunderttausend Büchern, die pro Jahr im deutschsprachigen Raum erscheinen, es überhaupt nur wenige Romanschriftsteller, Dramatiker oder Essayisten geben kann (und auch Poeten!), die eine Chance auf einen gewissen Nachruhm haben.

Was sollen nun die Lyriker tun? Sich die Grenzen selbst setzen und wohlgeformte Ziele außer Acht lassen? Nein. Ihre Genitalien öffentlich zur Schau stellen und in Ekel-Shows gehen? Nur wer mag.

Halten wir doch einmal fest, dass wir unter anderem den Vorteil haben, nicht ständig auf der Suche nach Ruhm sein zu müssen. Das bedeutet Konzentration auf das, was der Schreibende will, nämlich die in ihm entstehenden Bilder und Worte auszudrücken und zu einem Ganzen zu fügen. Nach der persönlichen Vorstellung von Form und Inhalt, auf einem einzigen weißen Blatt Papier seinen Träumen zu folgen und sie mit einem Bleistift in der Hand zu führen. Schlecht?

Woher nehmen Künstler die Kraft, ihren Vorstellungen zu folgen, obwohl sie kein Bild verkaufen, Ablehnungen erfahren oder nicht den aktuell gültigen Regeln des Kulturbetriebes entsprechen? Diese Kraft kann nur aus ihnen selbst kommen, sie kann gefördert und unterstützt werden, durch Energiezufuhr. Eines der Zauberwörter ist nicht Bitte oder Danke, sondern Mindsetting, die Geschichte mit dem halbvollen und dem halbleeren Glas.

Zum Beispiel führe ich seit längerer Zeit eine Liste, in der ich meine kleinen lächerlichen Erfolge anführe, Veröffentlichungen, Rezensionen, Lesungen, aufmunternde Worte, was auch immer im weitesten Sinn an Positivem geschieht. Um es einzufangen und zu visualisieren. Ich könnte mich auch auf die andere Liste konzentrieren, die Nicht-Antworten, Absagen, Verweigerungen und Enttäuschungen, auf meine Zweifel und Unzulänglichkeiten.

Ich lebe heute und morgen, ich will schreiben, es schreibt, ich muss schreiben. Das Gedichte schreiben habe ich mir nicht ausgesucht, es ist da, es ist entstanden, vielleicht bin ich dazu da. Also tue ich es, obwohl ich in einem anspruchsvollen Beruf jeden Tag intensiv arbeite. In der Freizeit arbeite ich auch (nicht nur!), in dem ich schreibe, für mich. Und das ist das zweite Zauberwort, aus dem Sinn und Sinngebung entsteht. Das Ich. Für wen? Was will es, wenn man die diversen Schichten, Geld, Ruhm und Maslowsche Bedürfnisse abzieht? Was will dieses Ich für mich, wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind? Und wenn wir es beantworten, so schwierig es ist, eine Antwort zu finden, genau das müssen wir tun. Denn wir leben jetzt und müssen uns mit uns selbst auseinandersetzen und nicht mit der Nachwelt.

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