An die NSA

13432216_85022cf9b4Während ich zu schreiben beginne, können Sie mir bereits über die Schulter blicken. Wäre es nicht so traurig und beängstigend, könnte man darüber fast zu lachen beginnen. Im wahrsten Sinn des Wortes also ein offener Brief.

Als Dichter und Schriftsteller bin ich natürlich verdächtig, obwohl ich keine Bombenanschläge auf amerikanische Einrichtungen, keine Giftgasattentate oder Hackerangriffe auf bundesstaatliche Einrichtungen der USA plane. Haben ihre Keyword-Alarmanlagen bereits angeschlagen? Wenn ich spaßhalber „Bin laden“ sage, meine ich das Verbinden meines Smartphones mit der Steckdose, wenn ich über Schwedenbomben spekuliere, so handelt es sich dabei um den möglichen Einkauf eines Österreichischen Süßwarenprodukts. Ich nehme nicht an, dass der Sinn für Ironie bei Ihren Angestellten besonders ausgeprägt ist, die Verbindung von Bürokratie und geheimdienstlichen Aktivitäten lässt solche feinen Zwischentöne wahrscheinlich nicht zu.

Natürlich bin ich auch verdächtig, weil ich ein Nicht-Amerikaner bin, eine Eigenschaft, die ich mit ca. 95-96% der Weltbevölkerung teile, was den Unterschied zwischen Gut und Böse wohl enorm erleichtert. Sie wollen sich und ihre Bürger schützen, in einem Land, in dem jeder eine Waffe bei sich tragen darf, was für das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen scheinbar noch nicht genügt. Ich verstehe schon, eine Weltmacht wird man nicht, indem man altruistisch agiert, Formel-1-Weltmeister wird auch nur ein richtiges Alpha-Männchen und kein Rennfahrer mit kameradschaftlichen Gefühlen. Ich möchte auch kein Amerika-Bashing betreiben, ich schätze den zweimaligen Eintritt der USA in Kriege, die letztendlich mein Land von Feudalismus, Kaiser und A.H. befreiten. Ihr Land stand für Freiheit und Demokratie, trotz Ausrottung von Ureinwohnern und Büffelherden, auch wenn es schon mal hundert Jahre dauern konnte, bis nach Beendigung des Sezessionskriegs schwarze Menschen an bestimmten Universitäten studieren durften.

The dream is over. Ihr baut gerade ein neues Rechenzentrum, die Kosten betragen ungefähr zwei Milliarden Dollar, obwohl die USA sich am Rand des Staatsbankrotts entlang hantelt. Man könnte sagen, ist euer Problem, was eine sehr kurzfristige und törichte Sichtweise wäre, weil ein solches Ereignis ganz sicher schwerwiegende Auswirkung auf die Weltwirtschaft  hätte, ja schon die Drohung alleine möglicherweise zum nächsten Börsenkrach führt.

9/11 kostete 3.000 Tote, jeder einzelne zu viel, keine Frage, ein paar Flugzeuge, zwei Wolkenkratzer. Diverse andere Anschläge bewegten sich seitdem im Rahmen von bis zu hundert oder ein paar hundert Toten, schreckliche Ereignisse für Familien, Freunde und Betroffene. Jedoch alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, ca. 18.000 Kinder pro Tag. Jeden Tag verhungern ca. 57.000 Menschen, zugegeben es sind wenige Amerikaner dabei, aber könnte man mit dem Geld, das ihr mit dem Scannen und Auswerten des Internets ausgebt, mit dem Ausspionieren von Mails, Datenvekehr und sozialen Netzwerken, nicht doch etwas Sinnvolleres tun? Sind all die abgewehrten Anschläge wirklich echte Bedrohungen gewesen oder dienten sie zur Beruhigung und Rechtfertigung gegenüber Bevölkerung und Budgetzusagen?

Warum verwehrt ihr ehrenwerten und anerkannten Schrifstellern wie Ilija Trojanow die Einreise in die USA? Welche Art von Kritik ist überhaupt noch erlaubt? Und warum andere nicht?

Zum Abschluss noch ein Gedicht, das ich Mitte der achtziger Jahre schrieb, lange bevor ich wusste, dass es das Internet bereits gab:

WIR S’IND EIN FREIES LAND

Wir sind ein freies Land
in dem jeder alles sagen kann

Wir sind ein freies Land
in dem jeder alles sagen kann
das nicht gegen die Grenzen
des guten Geschmacks verstößt

Wir sind ein freies Land
in dem jeder alles sagen kann
das nicht gegen die Grenzen
des guten Geschmacks verstößt
und im Rahmen der Gesetze bleibt

Wir sind ein freies Land
in dem jeder alles sagen kann
das nicht gegen die Grenzen
des guten Geschmacks verstößt
im Rahmen der Gesetze bleibt
und niemanden persönlich beleidigt

Wir sind ein freies Land
in dem jeder alles sagen kann
das nicht gegen die Grenzen
unseres Geschmacks verstößt
im Rahmen unserer Gesetze bleibt
uns nicht persönlich beleidigt
und nicht gegen die allgemein
gültigen Werte unserer
Gesellschaft gerichtet ist

Wir sind ein freies Land
in dem jeder etwas sagen kann
das unserem Geschmack entspricht
keines unserer Gesetze verletzt
uns nicht herausfordert
nicht gegen die allgemein gültigen
Werte unserer Ordnung verstößt
und unsere Herrschaft anerkennt

wie gesagt
wir sind ein freies Land
tolerant und nach
allen Seiten offen

Foto: Austin Mills

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