Wehret den Anfängen

Für einen Österreicher ist es besonders erschreckend, wenn ausgerechnet im März ein Land wie die Ukraine zu einem Referendum über seine Souveränität gedrängt wird. Man erinnere sich an das Jahr 1938, als eine für Sonntag, den 13. März 1938 kurzfristig ausgerufene Volksabstimmung den drohenden Verlust der Eigenständigkeit abwenden sollte, wozu es durch die Ereignisse vom 11.3. und 12.3. nicht mehr kam und deutsche Truppen das Land besetzten, um Hitlers Heimatland zu befreien und den notleidenden Brüdern zu Hilfe zu kommen.

Statt der geplanten Abstimmung fand am 13. März 1938 die gewaltsame Vereinigung Österreichs mit Deutschland statt, die am 10. April 1938 mittels eindeutigem Wink  (ein großer Kreis für ein Ja) und sonstigen Begleitumständen zum wenig überraschenden Ergebnis von mehr als 99% führte. Die von Schuschnigg geplante Befragung war allerdings auch mit Stimmzetteln geplant, auf denen nur ein „JA“ vorgesehen war. Einerseits aus der Not begündet, andererseits war er genauso wenig Demokrat.

Der März war in jenen Jahren ein Schicksalsmonat. Am 4.3.1933 wurde in Österreich das Parlament beseitigt, wenige Tage nach dem Reichstagsbrand in Berlin und einen Tag vor der letzten „freien“ Wahl im Deutschen Reich. Am 15.3.1933 fand der Staatsstreich von Engelbert Dollfuß statt, flankiert vom Justizminister Schuschnigg und ohne Eingreifen des Bundespräsidenten Miklas, der sich 1938 noch im Amt befand.

Was wir als europäische Bürger des 21. Jahrhunderts nur aus der Geschichte kennen, gefälschte Uniformen, Vorwände, Kriegsrhetorik mit absurd simplifizierten Mitteln, welche formal Begründung für einen militätischen Einsatz liefern soll (seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen), erleben wir plötzlich als Gegenwart und dazu noch genau hundert Jahre nach dem Gedenkjahr 1914, in dem Lemberg noch bei Österreich war. Hoffen wir, dass Geschichte nicht in Wiederholungen denkt, auch die Revolutionen von 1989 fanden genau 200 Jahre nach der in Frankreich statt.

Die europäischen Regierungen sollten jedenfalls nicht den Fehler einer Appeasement-Politik begehen. Diktatoren oder auf Expansion ausgerichtete Regierungen, egal ob national, religiös oder andersweitig motiviert, bekommen erst so richtig Appetit, wenn ihnen nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird. Hitler hantelte sich vom Saarland, dem entmilitarisiertem Rheinland, über Österreich und der Übernahme der Tschechoslowakei in zwei Etappen, zu seinem nächsten Ziel Polen, bevor das Verständnis für Heimholung und Vereinigung von Volksgruppen der Bereitschaft zum bewaffneten Widerstand von England und Frankreich wich.

Am Anfang wäre er mit einiger Entschlossenheit relativ einfach zu bändigen gewesen, weil er noch nicht über die militärische Schlagkraft späterer Jahre verfügte. Danach war dazu ein Weltkrieg notwendig.

Russische Minderheiten, die von der Duma unterstützt werden könnten, befinden sich in einer Reihe von Ländern. Wie viele würde Europa preisgeben? Den Osten der Ukraine, das ganze Land? Estland, Lettland? Wären erst Polen oder Finnland der Rubicon, den Putin nicht überschreiten dürfte, im Versuch, das sowjetische Reich wiederherzustellen? Ist die EU zu mehr als ein paar belanglosen diplomatischen Zeichen imstande? Hoffen wir es, denn am Anfang sind Krisen noch mit herkömmlichen Mitteln bewältigbar.

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